Geocaching gegen Nicht-Orte
Ich bin Student der Sinologie (Chinawissenschaften) und studiere in Leipzig. Aber es könnte auch eine andere Stadt sein. Ich stamme aus Mecklenburg-Vorpommern. Aber es könnte auch ein anderes Bundesland sein. Oft setze ich mich in einen Zug und pendele zwischen diesen Orten hin und her, denn ich hab an beiden Freunde und Familie. Manchmal, wenn sich die Gelegenheit ergibt, fahre ich auch mit dem Auto.
Ich fahre vom Hof der Eltern, durch meinen Heimatort, durch die Gegend in der ich aufgewachsen bin. Ich kenne jedes Haus und jeden Strauch, mit vielen Orten verbinde ich Erinnerungen und Erlebnisse. Ich fahre eine Weile, und die Erinnerungen werden langsam weniger, dennoch fühle ich mich mit meiner Umgebung vertraut. Dieses Gefühl verschwindet erst auf dem Beschleunigungsstreifen der A19. Hier ist nichts mehr vertraut. Hier befinden sich keine Erinnerungen. Ich bin diese Strecke schon sehr oft gefahren, aber es stellt sich einfach nicht dieses Gefühl der Vertrautheit ein, welches sich auf einer oft befahrenen Landstraße einstellen würde. Die Autobahn ( und erst recht die unsagbar langweilige A 19 und spätere A24) ist ein Paradebeispiel für einen sogenannten „Nicht-Ort“.
Das Konzept des Nicht-Ortes wurde im Wesentlichen vom Franzosen Marc Augé entwickelt. Weitere Beispiele für solche Orte sind zum Beispiel Flughäfen, Hotels, Supermärkte, Bahnhöfe und so weiter.
Man erkennt schon was alle diese Orte gemeinsam haben: man sucht sie in der Regel nur auf um etwas sehr bestimmtes zu tun (Autofahren, Einkaufen), und man will sie in der Regel so schnell wie möglich wieder verlassen. Diese Orte erfüllen also jeweils nur einen ganz bestimmten Zweck. Alle anderen Tätigkeiten, welche man ausüben könnte, finden an diesen Orten nicht statt. Dies betrifft insbesondere die Kommunikation. Auf der Autobahn, im Flughafen und im Supermarkt ist man in der Regel alleine oder mit deiner Gruppe. Obwohl man an jedem dieser Orte von sehr vielen anderen Menschen umgeben ist, kommt man in den seltensten Fällen auf die Idee mit ihnen zu kommunizieren. Man ist allein in der Masse.
Die einzige Kommunikation findet zwischen dem Ort und dem Individuum statt. Schilder an der Autobahn schreiben allen Reisenden die Geschwindigkeit vor, Piktogramme, Anzeigetafeln etc., weisen auf Flughäfen und Bahnhöfen den Weg zu Toiletten und der nächsten Möglichkeit den Ort zu verlassen. Jedes der Schilder ist an mich, aber auch an alle anderen gerichtet. Jeder auf der Autobahn soll die verbleibende Entfernung bis Berlin wissen.
Verlasse ich die Autobahn, tauchen Botschaften auf, welche nicht unbedingt an mich gerichtet sind. Der Hinweis auf ein Dorffest etwa oder ein Aushang in einem Schaufenster den ich erblicke während ich an einer roten Ampel warte. Dies ist Kommunikation ganz anderer Art und wird später einen Teil der Geschichte des Ortes ausmachen an den sich Menschen erinnern und diesen Ort mit Leben und Bedeutung anfüllen. Die wenigsten werden sich jedoch an einen Flughafen erinnern auf dem sie umgestiegen sind, und ihm schon gar keine Bedeutung beimessen.
Viele werden sich jetzt bestimmt fragen, wann ich denn auf das Thema Geocaching komme, aber ich denke dass der wesentliche Zusammenhang bereits klar hervortritt.
Deshalb erlaube ich mir noch einmal kurz abzuschweifen, zu dem Bahnhof einer großen Stadt im Südwesten Deutschlands. Zwar hatte ich noch nie das Vergnügen dort ein-, aus-, oder umzusteigen aber aus dem oben geschriebenen könnte leicht der Eindruck entstehen, dass ein eventueller Abriss jenes Bahnhofs völlig reibungslos und ohne Aufsehen von Statten gehen sollte. Eben so, als wenn auf der Autobahn der Belag erneuert wird. Jedoch scheint es, als wenn dieser Bahnhof im Laufe der Zeit für viele Menschen zu einem Ort geworden ist. Man kann sich dies leicht erklären: Viele verbinden wahrscheinlich bestimmte Erinnerungen, sei es das Abholen oder das Verabschieden der Geliebten, den Aufbruch zur ersten Fahrt ins Ferienlager usw. usf.. Mit der Umgestaltung werden diese Erinnerungen zerstört, und der Bahnhof wieder zu einem Nicht-Ort par excellence.
Eine der ersten Maßnahmen, um den Bahnhof wieder in einen Ort zu verwandeln, dürfte die Platzierung eines Geocaches werden. Geocaches verwandeln Nicht-Orte in Orte. Sie erzeugen Kommunikation, sie erzeugen Geschichte. Es gibt viele Beispiele bei denen dies eindrucksvoll gelungen ist. Auf meiner Fahrt von Mecklenburg nach Leipzig wird die terra incognita durch die ich mich bewege mit jedem Cache-Fund kleiner. Jeder noch so kleine, lieblose, leicht zu findende Cache erzeugt eine Erinnerung und zumindest eine rudimentäre Kommunikation. Dies trifft schon bei einem Cache an der Leitplanke eines Rastplatzes zu, aber natürlich noch mehr wenn ich mich entscheide die Autobahn zu verlassen und fünf Minuten durch den Wald zu spazieren.
Diesen kleinen Erfolg können einige Caches, manche durch Zufall, manche gewollt, sogar noch weit übertreffen. Als Paradebeispiel sei hier GC15TMY angeführt. Man mag von der Diskussion halten was man will, aber für alle Beteiligten dürfte sich die Bedeutung des Kreuzes Zehlendorf nachhaltig verändert haben.
Wenn man sich nun vor Augen führt, wie viele dieser Nicht-Orte wir täglich betreten, und wie wenig Orte übrig geblieben sind, die uns tatsächlich etwas bedeuten, dann bietet Geocaching eine sehr gute Möglichkeit dem entgegen zu wirken. In diesem Sinne: Gehen wir raus, suchen wir Dosen und holen wir uns einige Orte zurück. Und schreiben wir einen Kommentar.
Literatur.
Marc Augé: Nicht-Orte. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Mit einem Nachwort Marc Augés zur Neuausgabe. C.H. Beck 2010.
http://de.wikipedia.org/wiki/Nicht-Ort
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?guid=5ac01372-c652-467a-a1b1-afbbcdf8d516